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Gedanken zum Monatsspruch im November

Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.
(Hiob 19,25)

 Liebe Leserinnen und Leser,

noch ist das Wetter herrlich, die Tage sind lang, die Nächte werden wieder kühler – da geht es den meisten von uns gut. Gott sei Dank!
Aber wir wissen es: Schon Mitte Oktober kann es ungemütlich werden. Und vor dem November haben viele regelrecht Angst: Es wird kalt, dunkel und nass; und spätestens mit dem Volkstrauertag und dem gemeinsamen Gedenken an unsere Verstorbenen am Ewigkeitssonntag legen sich Schatten auf die Seelen.

Genau in diese Stimmung hinein spricht der Monatsspruch für den November:

Ich weiß, dass mein Erlöser lebt. Hiob 19,25

Von den Schattenseiten des Lebens kann dieser Hiob ein langes (Klage-) Lied singen. Und diese Schatten werden dadurch, dass Hiob lange Jahre auf der Sonnenseite des Lebens verbracht hatte, sicher nicht kürzer. Sein Absturz war tief, als er zunächst sein Vermögen, dann seine Kinder, seine Gesundheit und am Ende auch all seine sozialen Beziehungen verloren hatte.

Er lebte in tiefer Einsamkeit, die Trauer und die Schmerzen schienen übermächtig. Aber eins wollte Hiob nicht glauben: dass all das eine Strafe Gottes sei. Hiob ist von seiner Unschuld überzeugt. Und so beklagt er immer wieder all die Not dieser Welt. Einer Not, die oft genug wir Menschen zu verantworten haben – und nicht Gott. Gott will keinen Krieg, keinen Hass, keinen Hunger, keine zerstörte Umwelt.

Und ich stehe in dieser, seiner Überzeugung an Hiobs Seite. So ist Gott nicht!

Aber wie ist er dann? Denn mit der Überzeugung des Hiobs ist die Fragen nach dem Ursprung des Leidens ja nur verschoben und noch lange nicht beantwortet. Und die bohrende Frage nach einem möglichen Sinn des Leidens führt nur in noch tiefere Not.

Hiob beschreibt die Not mit so eindeutigen und klaren Worten, wie ich es mir für unsere Welt oft genug wünsche. Er redet nichts schön; erst recht nicht seine immer wieder vergebliche, quälende Suche nach Antworten, nach Gott, nach Hoffnung. Auch dafür hat er meinen größten Respekt.

Am eindrucksvollsten aber finde ich sein Gottvertrauen: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“. Sicher nicht zufällig wählt er einen Begriff aus der Sprache der Versklavten. Der „Erlöser“ ist der, der dem Sklaven die Fesseln abnimmt und ihn frei lässt. Aus der Versklavung wird ohne eigenes Zutun Freiheit. Aus der Freiheit erwächst eigenes Leben: mit all seinen Möglichkeiten und seinem ganzen Reichtum.

So ist Gott: Erlöser, Befreier, Lebens–Stifter.

Die Geduld des Hiob wird belohnt. Macht er am Ende die fast österlich zu nennende Erfahrung, dass Gott Dinge verändern kann und will, die für uns wie in Beton gegossen wirken?

Gewiss – das Ende des Hiobs-Buches mit den guten Nachrichten nach all den Hiobsbotschaften wirft bei mir Fragen auf. Es macht mich nicht glücklich. Gewiss: Hiob bekommt nicht nur neuen Reichtum, sondern auch neue Freunde und neue Kinder.

Aber vermag das die ersten Freunde und die ersten Kinder zu ersetzen? Und ist damit der Schmerz über das zerrissene Vertrauen zu den Freunden und zu seiner Frau wirklich gewichen? Ich kann es mir nicht vorstellen. Meine Erfahrungen sind anders.

Aber an der Hoffnung will ich festhalten – gemeinsam mit Hiob. 

Joachim Lauterjung