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Eröffnungsgebet

von Joachim Lauterjung / Profil 2011, Nr. 3

Seit Jahresbeginn ist die Gottesdienstordnung in den beiden Kirchen unserer Gemeinde vereinheitlicht: eine Gemeinde – eine Gottesdienstform, damit sich jeder in beiden Kirchen gleichermaßen zuhause fühlen kann.

„Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“

So selbstverständlich uns diese Eröffnung des Gottesdienstes auch klingen mag; sie ist entscheidend! Markiert sie doch einen tiefen Einschnitt im Selbstverständnis aller, die sich zu einem Gottesdienst versammeln. Hier wird deutlich: Jetzt geht es um die Begegnung mit Gott. Jetzt reden wir nicht mehr „nur“ miteinander und auch nicht „nur“ von uns. Jetzt vertrauen wir darauf, dass alles, was in dieser einen Stunde geschieht, in besonderer Weise im Namen Gottes geschieht.

Auch wenn das fremd klingen mag: Der Vorgang ist uns aus unserem Alltag durchaus vertraut.

Eltern reden und entscheiden im Namen ihrer Kinder; Anwälte sprechen im Namen ihrer Mandanten, Ehepartner tätigen im Namen des Anderen Geschäfte.

Entscheidend ist dabei immer zweierlei: zum einen, dass wir das Vertrauen unseres Gegenübers genießen – denn er muss mir ja glauben, dass ich wirklich im Namen eines Abwesenden reden darf und soll –, zum anderen, dass wir durch eine Vollmacht oder ähnliches zu unserem Handeln beauftragt sind. Im Bevollmächtigten ist der Abwesende in besonderer Weise anwesend.

Wenn wir also Gottesdienst „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ feiern, dann bedeutet das: Wir wissen uns von Gott zusammen gerufen; wir vertrauen darauf, dass er im Dialog mit uns sein will und an uns handeln will; wir vertrauen auch darauf, dass hier mehr als rein zwischenmenschliche Kommunikation geschieht.

Aber – und das ist wichtig – das geschieht ganz sicher nicht nur durch den Pfarrer, auch wenn der in besonderer Weise beauftragt ist. Es geschieht durch alle, die hier versammelt sind. Genau das bekräftigt die versammelte Gemeinde durch ihr „Amen“: „Ja, so ist es!“. Das bedeutet aber auch, dass das „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ alle, die den Gottesdienst verantwortlich mitgestalten, zu einer besonderen Sorgfalt verpflichtet.

Hinter allem, was sie tun und sagen, stehen ja fortan nicht nur sie selber. Sie haben von einer anderen und größeren Wirklichkeit zu zeugen. Wie soll das gehen? Und geht das überhaupt? Für mich immer noch entscheidend ist der Hinweis des großen Theologen Karl Barth, der zugespitzt formuliert: „Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden.

Wir sollen beides, unser Sollen und unser Nicht-Können, wissen und eben darin Gott die Ehre geben.“

Diese Einsicht macht jeden, der es wagt, zu sagen: „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ bescheiden. Gottesdienst ist immer eine Gratwanderung, die darauf hofft, dass wir alle miteinander in dieser Stunde getragen sind, dass sich durch menschliche Worte und Gesten hindurch ein „Mehr“ ereignet, das uns nicht verfügbar ist.

Oft genug wird es auch so sein, dass Gott sich im Gottesdienst mit seiner Wirklichkeit gegen menschliche Worte und Handlungen durchsetzt. Sei es dadurch, dass die Predigthörer einen Gedanken mitnehmen, über den der Prediger so gar nicht nachgedacht hatte – oder auch dadurch, dass die Gemeinde Dinge schlicht überhört, die auf Dauer nicht tragfähig sind. Beides kann man erleben.

Gottesdienst heißt am Ende also: Ich wage etwas und vertraue darauf, dass wir hier alle miteinander getragen sind – eben durch den Vater und den Sohn und den Heiligen Geist.