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Predigt (2)

von Joachim Lauterjung / Profil 2012, Nr. 3

Wie kommt der Pfarrer an den Predigttext?
„Sind Sie eigentlich bei der Wahl Ihrer Predigttexte frei?“, so werde ich immer wieder gefragt. Die Antwort ist schwerer, als man denkt. Antworte ich mit „Ja“, dann setze ich mich über eine durchaus sinnvolle Vereinbarung unter allen deutschsprachigen evangelischen Kirchen hinweg. Antworte ich mit „Nein“, dann erwecke ich den Eindruck, dieser Text sei geradezu schicksalhaft über die Gemeinde und mich selbst gekommen.

Also: Beide Antworten haben ein Stückchen Wahrheit in sich. Keiner kann mich zu einem vorgeschlagenen Text zwingen, fast immer bin ich aber gut beraten, den Vorschlägen zu folgen.

Wie kommen diese Vorschläge zustande?
Schon sehr früh in der Geschichte der Kirche und bis heute gab es Leseordnungen (sog. Perikopenordnungen). Das waren Listen, nach denen biblische Texte an bestimmten (Sonn-)Tagen gelesen werden sollten. Zum einen spielt das Kirchenjahr eine wesentliche Rolle (es ist einfach sinnvoll, zu Weihnachten die Weihnachtsgeschichte zu lesen), zum anderen soll die Gemeinde im Laufe des Jahres durch einen Querschnitt der biblischen Themen und Traditionen geführt werden. Die letzte im deutschsprachigen evangelischen Bereich verabschiedete Fassung stammt aus dem Jahr 1977. Sie enthält für jeden Sonn- und Feiertag sechs Textvorschläge (sogenannte Perikopenreihen). Die erste Reihe stammt immer aus einem der vier Evangelien, die zweite immer aus einem neutestamentlichen Brief. Die übrigen vier Reihen sind gemischt und enthalten auch Texte aus dem Alten Testament.

Neben diesen sechs Perikopenreihen sind jedem Sonntag noch mindestens ein Psalm und ein Wochenlied zugeordnet. Zum Beispiel ist für das Erntedankfest folgendes festgelegt: Psalm: 104; Wochenlied: Ich singe dir mit Herz und Mund; Reihe 1: Lukas 12, 15-21 „Der reiche Kornbauer“; Reihe 2: 2. Kor. 9, 6-15 „Die Sammlung für die Gemeinde in Jerusalem“ usw. Diese Auswahl macht klar: Gottes Gaben sind nichts Selbstverständliches, schon gar kein dauerhafter Besitz und: Sie leiten uns zum Teilen an.

Eine echte Herausforderung
Wenn ein Prediger sich mit derartigen Vorschlägen auseinandersetzt, kann er (gemeinsam mit der Gemeinde) viel erleben. Manche Predigttexte sind nicht nur für die Gemeinde, sondern auch für den Prediger selber eine echte Herausforderung. Sie können schwer verständlich sein; die Textbegrenzung kann eigenwillig sein oder auch unbequem, weil sie Themen zur Sprache bringen, mit denen man sich derzeit lieber nicht auseinander setzen möchte – warum auch immer.
Aber es lohnt sich, gerade diese Texte nicht vorschnell beiseite zu schieben. Und zudem: Schiebe ich einen unbequemen Text einfach beiseite und suche mir einen meiner Lieblingstexte und damit auch eines meiner Lieblingsthemen (wer hätte so etwas nicht), laufe ich Gefahr, die Gemeinde (und mich selber) schnell zu langweilen. Und oft genug sind gerade die vermeintlich leichten Texte in Wahrheit besonders sperrig und mühsam.

In der Regel lohnt es sich also, beim vorgeschlagenen Text zu bleiben. Dann kann man Erstaunliches entdecken und weiß sich (nicht zuletzt) verbunden mit vielen anderen Predigern und Gemeinden, die sich an diesem Tag auch mit genau diesem Text beschäftigen – über alle Unterschiede hinweg.