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Predigt

von Joachim Lauterjung / Profil 2012, Nr. 2

Die Predigt wird von vielen als das Herzstück evangelischer Gottesdienste empfunden. Und weil die Predigt in besonderer Weise mit der Person des Predigers verbunden wird, wird gefragt: „Wer predigt denn heute?“ Kaum einer aber käme auf die Idee, zu fragen: „Wer feiert denn heute das Abendmahl?“

Damit wird ein markanter Unterschied zwischen dem jeweils herkömmlichen evangelischen und dem katholischen Gottesdienstverständnis deutlich. Denn für unsere katholischen Geschwister ist eben ursprünglich nicht die Predigt, sondern die „Kommunion“ das entscheidende Element des Gottesdienstes.

Und so kommt es, dass katholische Gottesdienste (notfalls) ohne Predigt auskommen; und in evangelischen Gemeinden bis heute viele Gottesdienste ohne Abendmahl gefeiert werden. Inzwischen setzt sich aber (Gott sei Dank) die Einsicht durch, wie wichtig beide – Predigt und Abendmahl – für den Gottesdienst sind, und wie sehr sie auch zusammengehören.

Denn letztlich geht es in beiden Fällen um (gewiss unterschiedlich zu entfaltende) Begegnung mit der Liebe Gottes. Einmal ist sie zu schmecken und zu sehen; einmal ist von ihr zu reden und zu hören. Immer aber ist das Wichtigste, dass sie auch bei mir ankommt.

In der Predigt rückt dabei der Prediger in eine besondere Situation. Sind es doch seine Gedanken und sein Glaube, die zu formulieren er gefordert ist. Aber ist das überhaupt so möglich, dass dabei Gott selber zur Sprache kommt? Karl Barth hat diese Frage mit besonderem Nachdruck gestellt. Er schreibt: „Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen Beides, unser Sollen und unser Nicht-können, wissen und eben damit Gott die Ehre geben.“

Deshalb ist die Predigt ein Geschehen – und für den Prediger auch ein Wagnis –, das über sich selbst hinausweist. Und zwar deshalb, weil Prediger und Predigthörer in besonderer Weise darauf angewiesen sind, dass es zu einer besonderen Art des Verstehens kommt. Die Predigt soll aus dem Glauben kommen und zum Glauben führen – und damit weit mehr erreichen, als nur den Verstand. Es soll zu einem Einverständnis kommen und zu einem neuen Verstehen des eigenen Daseins in der Gegenwart Gottes.

Oder – in der Sprache der Tradition: im Predigt-Geschehen muss der Heilige Geist in besonderer Weise gegenwärtig sein. Was abstrakt klingt, ist in Wahrheit oft sehr konkret. Denn immer wieder zeigt sich in Gesprächen, dass Menschen ganz andere Aspekte einer Predigt wichtig geworden sind als vom Prediger beabsichtigt. Und genau damit ist dessen Person dann wohltuend relativiert.